BZgA Werkstattgespräch Web 2.0

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  1. Wie werden soziale Netzwerke in der Gesundheitsvorsorge und -aufklärung eingesetzt?
  2. Wie kann ich den Erfolg evaluieren?

Diese beiden Fragen hatte ich, als ich zu einem Werkstattgespräch von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eingeladen wurde. Da es eine Ausarbeitung geben wird, schildere ich hier nur einige Beiträge, Beobachtungen und Antworten.

Hintergrund:
Am 17.11.2010 fand an der Rheinischen Fachhochschule Köln das Werkstattgespräch 2010 der BZgA statt. Das Thema lautete: "Das Web 2.0 / Social-Media: Was sind die Chancen, Risiken und Anwendungsmöglichkeiten partizipatorischer Medien für die gesundheitliche Aufklärung?"

Offizielle Ergebnisse:
Die Vortragsfolien sollen veröffentlicht werden, ebenso wird es einen Werkstattbericht geben (ich werde hier dann verlinken). Bericht mit Fotos der FH: Gesundheitliche Aufklärung und Web 2.0.

Der Vortrag von Prof. Ludwigs (Facebook) gab einen guten Überblick über Web 2.0-Einsätze:

  • Pepsi gibt inzwischen 30% der Mittel für Öffentlichkeitsarbeit für soziale Netzwerke aus, unter anderem für das Pepsi Refresh Project (2010) zur Umsetzung von Projektvorschlägen im sozialen Bereich. Die Zahl wurde in der weiteren Diskussion als Größenordnung für das BZgA wiederholt genannt ;-)
  • Die BZgA sollte als Kurator tätig werden, d. h. nicht immer nur eigene Informationen veröffentlichen, sondern auch die von Dritten prüfen und weitergeben.
  • Die BZgA hat gute und zahlreiche statische Angebote, es fehlen moderne Formen wie hochwertige Videos oder Expertenblogs. Durch letztere kann die staatliche Einrichtung persönlichere "Gesichter" bekommen.
  • Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) betreiben Aufklärung in den USA und sind bei Facebook und Twitter vertreten.
  • Bei "Social News-Sites" oder "Q & A-Sites" handelt es sich um Angebote, wo jede/-r Fragen stellen kann, die dann von allen beantwortet werden können. Bei Yahoo Clever gibt es etwa 7 Millionen deutsche Nutzer/-innen. Ein weiteres Portal ist gutefrage.net.

Zum letzten Punkt hatte ich in der Pause eine interessante Diskussion zur Realisierung einer Beantwortung von Fragen durch die BZgA. Sinnvoll könnte es sein, eine Person zwei Stunden täglich für Recherche und Beantwortung von Fragen freizustellen.

  • Bei der Recherche geht es darum, herauszufinden, welche Fragen und Themen aktuell im Vordergrund stehen. Dies kann dann als laufende Evaluation mit dem eigenen Informationsangebot abgeglichen werden ("Behandeln wir das Thema? Kann die Frage mit einem Link auf einer unserer Webseiten befriedigend beantwortet werden? Müssen wir unsere "Frequently Asked Questions" (FAQ) Liste ergänzen?).
  • Bei der Beantwortung der Frage muss aus Expertensicht vorgegangen werden, ohne langwierige Abstimmung mit anderen Stellen. Die Autorin bzw. der Autor ist dabei als BZgA-Mitarbeiter/-in erkennbar (z. B. Kürzel im Namen oder ein Hinweis im Profil). Sinnvoll ist dabei ein Link auf das eigene und passende Informationsangebot.
  • Somit hätte man die Hand am Puls der Zeit, könnte das eigene Fachwissen nutzen und sich als professionelle Institution bzw. Expertenteam darstellen.
  • Bei Yahoo Clever besteht die Möglichkeit, als Wissenspartner aufzutreten und so das eigene Image zu stärken.

Prof. Dr. Heinz Bonfadelli präsentierte Ergebnisse von Studien zur Gesundheitskommunikation via Internet.

Eine gute fachliche Übersicht liefert:
Rossmann, Constanze (2010): Zur theorie- und evidenzbasierten Fundierung massenmedialer Gesundheitskampagnen. In: Public Health Forum, 18(68): 16-17. (Zusammenfassung)

Vorstellung der Ergebnisse verschiedener Metastudien (Details bitte den Vortragsfolien entnehmen, sobald diese online sind).

Oliver Tepner (facebook) stellte sprechreiz.tv vor.

Dabei handelt es sich um eine Marketing-Kampagne von Studierenden der Rheinischen Fachhochschule Köln als ein Projekt für Malteser, wo Jugendliche selber aktiv in eine Talkshow mit einem eigenen Video / Tonbeitrag eingreifen können. Ziel war es, einen neuen Weg für Kleinspenden durch jüngere Menschen zu finden.

Workshop Arbeitsgruppe 1 "Facebook, Twitter & Co.: Wie können wir sie nutzen?

Praxisbeispiel Welt-Aids-Tag:

Der Welt-Aids-Tag ist bei Facebook erfolgreich. 2009 wurde die Anwendung (Applikation), welche eine rote Schleife auf dem Foto der Nutzer/-innen einblendet, laut Referentin neunzigtausend mal eingesetzt. Am 01.12.2009 kamen zehn Prozent der Besucher/-innen des Web-Auftritts des BZgA über soziale Netzwerke wie Facebook und VZ-Seiten.

Fakten 18.11.2010:

  • Bei der Suche bei Google nach Welt-Aids-Tag erscheint die Facebook-Seite auf Platz 19.
  • Über zwanzigtausend Nutzer/-innen fanden die Aktion gut.

    Das Facebook-Profil vom Welt-Aids-Tag hatte 20000 Freunde
     
  • Anwendungsseite: 4783 Personen gefällt die Anwendung

Während der Veranstaltung habe ich eine grobe eigene Rechnung über die Reichweite der Aktion 2009 vorgeschlagen, die ich hier mit realen Zahlen genauer ausführe:

  • Die rote Schleife war auf 90.000 Profil-Bildern zu sehen, jeder durchschnittliche Nutzer bei Facebook hatte schätzungsweise 120 Freunde (November 2010: 130 Freunde), somit können theoretisch 10,8 Millionen Personen mit der Aktion erreicht werden.
  • Da es im November 2009 knapp 5,5 Millionen Facebook-Nutzer/-innen in Deutschland gab, könnten diese eigentlich alle erreicht worden sein ;-)

Mögliche Ziele für die Nutzung sozialer Medien

Es wurden zahlreiche mögliche Ziele genannt (Liste nicht vollständig):

  • Informationen einspeisen
  • Entscheidungshilfen bieten
  • Selbstreflexion ermöglichen
  • Partizipation erlauben
  • öffentliches Klima ändern
  • zuhören (was interessiert die eigene Klientel)
  • Veränderungen von Einstellungen erreichen
  • Verhaltensänderungen bewirken
  • ...

Im nachhinein fehlt mir das Ziel, die eigene Institution positiv darzustellen (Markenbildung, -pflege).

Bei der BZgA kann ein Ziel sein, sich in den sozialen Medien / Netzwerken als Institution mit qualitativ hochwertigen Informationen darzustellen und dies der Bevölkerung zu vermitteln. Social Media wären somit ein weiterer Kanal zur Profilierung.

Ideen und Denkanstöße aus meinen Notizen

  • Eine Möglichkeit, Themen wirksam anzusprechen bzw. mit hochwertigen Informationen zu versorgen, bietet die Belieferung von "Top-Aktiven" mit Informationen und Materialien. Somit könnten "Meinungsführer/-innen" und Vorbilder hilfreich eingesetzt werden, nachdem man sie um Erlaubnis gefragt hat.
  • Interessant wäre eine Auflistung und Ausarbeitung, welche hemmenden Faktoren es in der Gesundheitsaufklärung im sozialen Web gibt, um ggf. Maßnahmen zur Verringerung diskutieren zu können. Exemplarische Beispiele:
    • mangelhafte Ausbildung im Bereich digitaler Medien (Medienkompetenz, E-Learning-Erfahrungen)
    • schlechte Ausstattung mit PCs bzw. Internetzugängen
    • fehlende Zeit neben dem Alltagsgeschäft
    • mangelnde Priorität durch Vorgesetzte / im Berufsalltag
    • sehr hohe Qualitätsansprüche ("man kann nicht mal eben so eine Antwort geben"), inhaltlich und in der Darstellungsform
    • vorhandene Deutungshoheit bei Vorgesetzten / Expertenteams
    • nicht täglich vorhandene Verfügbarkeit (um aktuelle Fragen beantworten zu können)
  • Die BZgA könnte Schulungen im Bereich Medienkompetenz für MultiplikatorInnen und Schüler/-innen durchführen (lassen), wo ein Schwerpunkt auf Gesundheitsthemen liegt.
  • Für die Verbesserung der Medienkompetenz können gesundheitsspezifische Infomaterialien für Schulen sorgen (siehe auch Bericht der Enquetekommission zur Erarbeitung von Vorschlägen für eine effektive Präventionspolitik in Nordrhein-Westfalen zur Medienkompetenz S. 79ff.  und S. 180).
  • Erfahrungen aus dem Bereich E-Learning zeigen, dass keine Ersparnisse bei der Nutzung der digitalen Medien zu erwarten sind. Online-Kurse führen z. B. zu hohen Betreuungskosten durch mehr Personal. Es wäre interessant zu erforschen, ob weitere Erkenntnisse in den Bereich E-Health übertragbar sind (Erfahrungstransfer).
  • Organisatorische Fragestellungen:
    • Wie werden woanders soziale Medien in den Berufsalltag integriert?
    • Wie sind sie in den Stellenbeschreibungen verankert bzw. wie werden sie in neuen Verträgen berücksichtigt?
  • Eigene Erkenntnis: Facebook erlaubt es, mit einem Thema in den Alltag anderer "einzubrechen". So hat meine virtuelle Demonstrationsteilnahme gegen Stuttgart 21 eine interessante Reaktion bei einem Freund hervorgerufen, welcher sich gegen "Proteste gegen alles" aussprach. Diese Weckung von Aufmerksamkeit kann auch mit Gesundheitsthemen möglich sein.
  • Um das Ziel "Menschen sprechen über gesundheitliche Themen" zu erreichen, muss man inhaltlich recherchieren - in Diskussionsforen, Weblogs etc. Die Erfolgsmessung wird dadurch aufwendig, der Bezug auf die Arbeit der BZgA wird nicht immer gelingen, auch wenn sie der Auslöser sein sollte.
  • Die BZgA sollte auch über Wettbewerbe, wie die Erstellung eigener Videos zu bestimmten Gesundheitsthemen nachdenken. Dabei setzen sich Nutzer/-innen intensiv mit einem Thema auseinander, durch die Abstimmung über gute Videos werden weitere Personen erreicht, welche sich die Videos und damit die Themen ansehen.

Zusammenfassung & Ausblick

Ich fand die Veranstaltung gelungen, sie hat Informationen und Anregungen für alle 77 Beteiligten geboten. Dass 30 Personen aus der BZgA teilgenommen haben, lässt hoffen, dass die Erkenntnisse aus dem Workshop in die Arbeit der Bundeszentrale nach und nach Einzug halten werden.

Ich habe bei einer Mitarbeiterin angeregt, einen Workshop zu Evaluationsmöglichkeiten zum Web 2.0 durchzuführen - somit könnte die Messung der Erreichung der Ziele bei der Einführung neuer Aufgaben von Anfang an berücksichtigt werden. Würde mich freuen, wenn ein Workshop nächstes Jahr stattfinden würde ;-)

 


Warum ich dies blogge?

Eingeladen wurde ich, weil ich die Grundlagen in der Broschüre "Evaluation von Web-Auftritten im Gesundheitswesen" für die BZgA geschrieben habe. Ich fand das Werkstattgespräch sehr informativ, habe viele Denkanstöße erhalten und gebe hiermit einige zurück.

Weiterführende Links: